Ourchild e.V. -> projekte

Neu: Marubo-Hilfsprojekt

Hilfe für Marubos

Die Marubo sind ein indigenes Volk von etwa 1668 Einwohnern an der nordwestlichen Grenze Brasiliens mit Peru. Insgesamt leben in dem von ihnen bewohnten, demarkierten Gebiet, welches fast die Größe Portugals hat, etwa 6000 Menschen und alle sind Ureinwohner Brasiliens. Es handelt sich um die weltweit größte Region mit noch unkontaktieren Völkern. Mehr als 50% der Marubo sind durch den Kontakt mit der westlichen Kultur mit Hepatitis B infiziert, und bei über 12% davon ist der Virus bereits aktiv. Dies führt zu weiteren, in der Folge meist tödlichen Erkrankungen.

Das Volk der Marubo ist vom Aussterben bedroht. Deshalb besuchten der Schamane Robson und der Lehrer Benedito im Juni 2011 Auerstedt, Bad Sulza und Weimar, um dort die Hilfe zu erbitten, die ihnen vom brasilianischen Staat nicht gewährt wird. Der Besuch war gleichzeitig der Beginn dieses Unterstützungsprojektes.

 

Gesundheit, Bildung und Kultur im Javari Tal im Amazonasgebiet Brasiliens
Unterstützungsprojekte der Hilfsorganisation Ourchild e.V., Bad Sulza und der Musikhochschule Franz Liszt Weimar (Stand Juli 2011)

Vertreter der brasilianischen Marubo erstmalig in Europa
Kenĩnawa Inonáwavo (Benedito Dionisio da Silva Ferreira) Heiler und Lehrer der Marubo
Venãpa Iskonáwavo (Robson Dionisio Doles Marubo) Schamane und Lehrer der Marubo

Benedito und Robson reisten als Repräsentanten des Volkes der Marubo im Mai 2011 nach Auerstedt, Weimar und Bad Sulza in Thüringen und besuchten damit erstmals Europa. Dieser interkulturelle Austausch wurde von der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar und der Hilfsorganisation Ourchild e.V. in Bad Sulza initiiert und organisiert.

Während ihres Aufenthaltes vermittelten die Marubo bereichernde Einblicke in ihre Kultur, Musik, schamanische Heilweisen und in ihre Weltanschauung. Neben der uneingeschränkten und herzlich-familiären Bereitschaft, ihr wertvolles Wissen zu teilen, war eines ihrer Hauptanliegen die Bitte um Hilfe bezüglich der sich dramatisch verschlechternden Gesundheitssituation der Einwohner in ihrer Heimat, dem Amazonasgebiet Brasiliens.

Im Rahmen des Aufenthaltes wurden drei Projekte erarbeitet, die die indigene Bevölkerung im Tal des Flusses Javari in Bezug auf Gesundheit, Bildung und Erziehung unterstützen werden. Wir informieren Sie hiermit über die aktuelle Situation der Marubo, ihre Kultur und Geschichte und geben eine erste Übersicht über die geplanten Projekte und Hilfsmaßnahmen.

Geschichte und Lebensraum der Marubo

Die Marubo leben am Rande Brasiliens in Amazonien an den Grenzen zu Peru und Kolumbien im Javari Tal. Das Javari-Tal gehört zur Gemeinde von Atalaia do Norte im brasilianischen Bundesstaat Amazonas. Der Fluss Javari mit seinen Nebenflüssen — den Flüssen Jaquirana, Curuçá, Itacoaí und Ituí — umfasst rund 85.444 Quadratkilometer und ist das zweitgrößte indigene Gebiet Brasiliens. Die regionale Hauptstadt Atalaia do Norte selbst weist 6.891 Einwohner (Stand der Zählung 2010) auf. Darüber hinaus gibt es heute etwa 6.000 indigene Einwohner der Völker der Marubo, Mayoruna, Matis, Kanamari, Kulina und Korubo sowie einer unbekannten Anzahl nicht kontaktierter Gruppierungen im Javari Tal und damit die weltweit höchste Anzahl an Menschen, die in totaler Autonomie ohne Kontakt zur sie umgebenden Gesellschaft leben.

Die Marubo bewohnen derzeit 13 Dörfer entlang der Flussläufe Ituí und Curuçá. Nach Angaben der für die indigenen Kulturen verantwortlichen staatlichen Agentur FUNAI (Fundação Nacional do Índio) ist das Gebiet der Marubo seit mehr als 1.000 Jahren bevölkert.  

Bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es ungefähr 15.000 Bewohner in dieser Gegend. Zum Ende des 19. Jahrhunderts reduzierte sich diese Zahl auf etwa 3.000 Personen. Krieg und Krankheit dezimierte die Bevölkerung sehr stark. Die Zahl der Marubo wird heute auf etwa 2.000 geschätzt.

 

Kultur

 

Gemäß der Herkunft ihrer Sprache sind die Marubo auch als „Pano“-Völker bekannt. Die Bezeichnung „Marubo“ wird heute allgemein und übergeordnet für ihre neun exogamen, d.h. durch verbindlich vorgegebene Heiratsverpflichtungen verbundenen Klans verwendet. „Marubo“ entspricht jedoch nicht ihrer Selbstbezeichnung und hat hinsichtlich des ethnischen Ursprungs keine Bedeutung.  

Gemäß ihrer eigenen Überlieferung haben verschiedene Stämme sich in der Vergangenheit zusammengefunden und die heutige Gesellschaft der Marubo geformt. Diese früheren Völker sind jetzt ihre Verwandtschaftsgruppen, welche immer noch die ursprünglichen Namen der Urvölker tragen, z.B. shanenawavo – das Volk des Vogels Dunkelblauer Bischof, varinawanavo – das Volk der Sonne oder wanĩvo – das Volk der Pfirsichpalmenfrucht. Ihre nach Geburtsfolge benannten Gruppenbezeichnungen sind matrilateral, werden also von der mütterlichen Großmutter weitergegeben.

Vor etwa 200 Jahren begannen die Bewohner des Javari‐Tals damit, Kontakt untereinander aufzunehmen, und die Marubo sind wahrscheinlich erstmals im Jahr 1858 durch William Herndon, einen Nordamerikanischen Marineoffizier, dokumentiert. Nach wie vor gibt es im Javari‐Tal jedoch viele Menschen, die freiwillig isoliert bzw. vollständig autonom leben, die sogenannten unkontaktierten Völker.

Die Marubo kommen regelmäßig zu gemeinsamen Festen und Anlässen zusammen. Auch sonst wird Nachbarschaftshilfe und Kommunikation mit den Nachbarn als zentrales Element des Zusammenlebens geschätzt. Ein wesentlicher Bestandteil des kulturellen Lebens der Marubo sind ihre Musik und ihre heilenden Gesänge.

 

Bildung und Erziehung

 

Derzeit reisen die Lehrer von Dorf zu Dorf, um Schulunterricht zu geben. Sie vermitteln dort auch ihr Wissen über die Kultur ihres Volkes und schamanische Praktiken. Dies ist für sie sehr anstrengend. Einige dieser Dörfer liegen mehr als eine Tagesreise voneinander entfernt, und die Reise ist für sie beschwerlich. Auch viele Schüler haben lange Wege, um den Unterricht zu besuchen, da es nicht in jedem Dorf eine Schule gibt und nicht in jeder Schule alle Klassenstufen. Die Schüler gehen in reguläre, staatlich beaufsichtigte und finanzierte Schulen, wo sie zweisprachig unterrichtet werden. Der Unterricht wird dafür in ihrem Dorf nach festgelegten Lehrplänen mit staatlich ausgebildeten Lehrern durchgeführt. Der schamanische Unterricht kann nur während der Nacht stattfinden, und am Morgen fängt dann die reguläre Schule wieder neu an. Diese Doppelbelastung ist sehr anstrengend für alle, Schüler wie Lehrer.

Schamanischer Unterricht, also Unterricht in ihrer traditionellen Kultur und Heilmethode, kann nur nachts stattfinden, weil die Geister, die dabei gerufen werden, nur nachts erscheinen. Traditionell ruhen die Schamanen mit ihren Schülern während des Tages.  

Deshalb gibt es in Zeiten des regulären Schulunterrichts eine extreme Doppelbelastung: regulärer Unterricht während des Tages, schamanischer Unterricht nachts und kaum Zeit, zu schlafen. Es gibt keine Möglichkeit, die traditionellen Unterrichtsmethoden unabhängig von der Schulzeit zu praktizieren, denn nur dann sind die Kinder und Jugendlichen versammelt.

Deshalb ist ein zentraler Ausbildungsort, wo die Schüler aller dreizehn Dörfer zusammenfinden können, ein wichtiges Projekt für die Marubo. Ausgewählte bzw. bestimmte Schüler können dann während der offiziellen Schulferien dort zentral in Schamanismus und der Kultur der Marubo unterrichtet werden. In der anderen Zeit können die Schulräume als Internatsräume für die Vermittlung einer Ausbildung, die zur Hochschulreife führt, genutzt werden.

 

Gesundheit

 

Mehr als 50 % der Bewohner des Javari Tals leiden gemäß einer Umfrage der brasilianischen nationalen Gesundheitsstiftung FUNASA bereits unter Hepatitis B. Die häufig auftretende Co‐ oder Superinfektion mit Hepatitis D verläuft unweigerlich tödlich. Hepatitis B kann unter Behandlung zwar zum Stillstand kommen bzw. die Symptome gemildert werden, die Krankheit selbst ist jedoch auch mit westlicher Medizin nicht heilbar.

Mit der Verbindung aus westlicher Medizin und traditionellen Heilmethoden ist es jedoch möglich, diesen Erkrankungen auf effiziente Weise vorzubeugen. Insbesondere Präventivmaßnahmen wie Aufklärungsarbeit vor Ort und Schwangerschaftsvorsorge sind deshalb von großer Wichtigkeit.

Hepatitis war bei den Einwohnern Amazoniens unbekannt und wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit erst durch den Kontakt mit der westlichen Welt in ihre Gruppe eingeführt – ebenso wie ansteckende Viruserkrankungen, die sich epidemisch ausbreiten und für die Bevölkerung nicht zu bewältigen sind. Durch den Bau von Straßen, illegaler Holzfällerei und den Aufbau einer Infrastruktur in bisher gänzlich oder fast unberührten Gebieten kam und kommt es zu Kontakten mit der Einwandererkultur, die in Folge auch die o.g. Krankheiten mit sich bringen.  

So starben z.B. 50 % der Murunahua im Amazonasgebiet nach dem Kontakt mit illegalen Holzfällern an einer Grippe. Die Matis im Javari Tal wurden zum ersten Mal 1978 kontaktiert. Kurz darauf starb die Hälfte des indigenen Volkes, nach weiteren fünf Jahren hatten nur 87 Matis überlebt.

Dieses dramatische Problem entsteht zum einen, weil das Immunsystem indigener Menschen gegen diese Krankheiten nie Abwehrkräfte entwickeln konnte, zum anderen und primär jedoch dann, wenn sie in den ersten Kontakt mit den Städten kommen und dort durch die Folgen der Konflikte mit völlig unterschiedlichen kulturellen Einstellungen des Stadtlebens in extremen wirtschaftlichen Armutsverhältnissen inmitten einer materiell reichen Umgebung leben.

Fast alle mit den westlichen Kulturen in Kontakt stehenden Bewohner des Regenwaldes leiden inzwischen auch an Malaria, einer zuvor ebenfalls unbekannten Krankheit in diesem Gebiet. Ob auch die unkontaktierten Gruppierungen davon betroffen sind, ist größtenteils nicht bekannt. Das Grundproblem besteht auch hier in der unkontrollierbaren Ausbreitung. Zudem sind mehrere Malaria‐Anfälle pro Jahr für die Erkrankten die Regel, nicht die Ausnahme. Dies schwächt die Grundkonstitution der Menschen insgesamt und macht sie auch für einfache Krankheiten anfälliger.

Schamanische Heilmethoden, wie sie seit Jahrtausenden im Amazonasgebiet praktiziert werden, können diesen Krankheiten nicht Herr werden. Im Einzelfall kann vielleicht geholfen werden, doch die Therapie des Einzelfalls benötigt einen immens hohen Krafteinsatz des Schamanen, der dann wiederum für die Allgemeinheit und die Gesundheitsfürsorge für die grundlegenden Krankheiten weniger Kapazitäten zur Verfügung hat.

Eine umfangreiche Gesundheitsvorsorge und präventive Maßnahmen in Verbindung mit medizinischer Soforthilfe haben deshalb oberste Priorität, um die Gesamtsituation mittel‐ bis langfristig zu verbessern.

 

Umwelt und Zerstörung des Lebensraums

 

Der Kontakt zu unserer westlichen Kultur entsteht für viele indigene Völker erst dadurch, dass das, was wir Entwicklung nennen, ihren Lebensraum vernichtet. Durch Krankheiten, den Bau von Staudämmen und den Aufbau einer Infrastruktur in unberührten Gebieten werden nicht nur die Lebensgrundlagen der Marubo und große Teile des brasilianischen Regenwaldes zerstört, sondern auch ihre Existenz als solche. Wie viele andere indigene Menschen weltweit sind auch die Marubo heute vom Aussterben bedroht. Damit verlieren wir nicht nur mehr und mehr unersetzlich wertvolles und Jahrhunderte altes Wissen über die Natur, Tiere, Pflanzen, Heilung und umweltrelevante Zusammenhänge auf unserer Erde, sondern gefährden auch uns selbst: Die Eingriffe in natürliche Verhältnisse haben unmittelbare Auswirkungen auf unser eigenes Umfeld und die klimatischen Bedingungen weltweit.

Eine Umsiedlung von indigenen Völkern bedeutet Sterben, denn gemäß ihrer Kultur brauchen sie einen Raum, in dem sie frei leben, jagen und fischen können. Wo sollte es den dann noch geben? Zudem definieren sich diese Völker elementar durch das Gebiet, in dem sie leben. 

Der Prozess des Umdenkens und die Einsicht darin, dass die westliche Kultur diejenige ist, die aufgrund ihrer degenerierten Entwicklung Hilfe benötigt, dauert sehr lange. Es gibt jedoch auch positive Beispiele: Vor kurzem zog eine der weltweit größten Banken 400 Mio. Dollar Fördermittel aus einem Staudammprojekt, weil die Folgen des Staudammbaus für die betroffenen Menschen wie deren Umwelt vernichtend wären. So bleibt zu wünschen, dass diesem Beispiel auch andere Banken, Ölkonzerne und Investoren folgen und die Mittel stattdessen in Projekte fließen, die dabei helfen, Lebensräume zu erhalten und den bereits angerichteten Schaden zu begrenzen.

Stephen Corry, Direktor von Survival International, sagt dazu: „Wenn der Kontakt zu indigenen Völkern nicht unter größter Sorgfalt stattfindet, bedeutet dieser Kontakt für mindestens die Hälfte dieser Menschen das Ende. Wieder und wieder haben wir das erlebt. Es ist daher schwer nachzuvollziehen, dass Regierungen und Unternehmen davon angeblich nichts wissen. Es ist genauso schwer nachzuvollziehen, warum sie, wenn sie auf dem Land unkontaktierter Völker arbeiten, und wir, die ihre Produkte kaufen, nicht schuldig dafür sein sollten, was dort passiert.“

 

 

Gesundheitsprojekt am Amazonas: Bei den Javari-Tal Indianern - hier gelagen Sie zum Dokument.

Unterstützungsprojekte: Die nächsten Schritte

Während des Besuchs der beiden Marubo-Repräsentanten wurden drei Projekte erarbeitet, die nun entwickelt werden sollen:

1. Bildungsprojekt
Eine Schule/ein Internat für die 13 Marubo-Dörfer, die von Benedito und Robson betreut werden, soll an einem zentralen und für alle zugänglichen Ort erbaut werden.

2.     Gesundheitsprojekt
Ein medizinisches Hilfsprojekt, möglicherweise in Form eines Sanitäts-Schiffes, welches die entlegenen Dörfer erreichen kann und eine grundlegende medizinische Versorgung und Prävention in der Region des Javari gewährleistet, soll etabliert werden. Dabei sollen sich traditionelle und wissenschaftliche Methoden mit den Bedingungen vor Ort integrativ ergänzen.

3.     Kulturprojekt
Eine kleine Gruppe der Marubo soll nach Deutschland eingeladen werden, um hier im Rahmen mehrerer Auftritte mit der Kultur der Marubo vertraut zu machen. Gesang und Tanz sind dabei die zentralen Mittel der Gemeinschaft, und um ihre Kultur zu verstehen, sind sie erfahrbar zu machen. Ein 5 bis 10‐tägiges Festival, in denen die Marubo ihre Sitten und Gebräuche dem interessierten Publikum vorstellen, ermöglicht es, ihre Kultur und ihre Form des Zusammenlebens authentisch nachzuvollziehen. Diese Idee wurde von den Marubo selbst während ihres Aufenthaltes hier in Deutschland entwickelt.

Wie können Sie helfen?

Weitere Informationen und Pressekontakt:
Ourchild Internationales Kinderhilfswerk e. V.
Simone Planert
Tel +49 (0) 3646 19 28 39,
E-Mail info@ourchild.de

Bitte spenden Sie!
Sparkasse Mittelthüringen, BLZ 820 510 00, Kto.Nr. 535 555 555

Datenschutzerklärung öffnen




Seiten mit ähnlichem Inhalt :

Ourchild e.V. -> verein -> gemeinnützigkeit
Ourchild e.V. -> ich will helfen
Ourchild e.V. -> verein
Ourchild e.V. -> ich will helfen -> spenden & patenschaften