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[23.11.2009]
Der mit dem Wolf schwitzt

Bei einem Sweatlodge-Seminar in Thüringen soll man seine Seele erkunden

Man braucht kein allzu ausgeprägtes Gespür für Kontraste, um den Medizinmann Tom Bluewolf im Konferenzzimmer der Toskana Therme in Bad Sulza als etwas Besonderes wahrzunehmen. Er sitzt zwischen Buchenholzwänden und mintgrünen Vorhängen auf einem der kreisrund um den Flokatiteppich angeordneten Stühle. Aus einem kleinen CD-Radio kommen indianische Gesänge, und auf dem Teppich liegt etwas, das aussieht wie eine aus einem Kaninchenfell gemachte Rassel. Es wirkt sehr geheinmisvoll. „Nun ist der letzte Vollmond vor dem Winter“, sagt Tom Bluewolf dann mit fester, tiefer Stimme und in amerikanischem Englisch. Und fügt hinzu: „Keiner ist hier, der nicht hier sein sollte.“ Hier, das ist das Schwitzhütten-Seminar in der Toskana Thüringens, geleitet von Tom Bluewolf, dem Indianer vom Stamm der Muscogee.
Noch ist nicht klar, warum heute zwanzig Leute nach Bad Sulza gekommen sind. Junge Paare, langhaarige Männer, ein Vater mit Sohn, zwei Freundinnen. Erst die Vorstellungsrunde erklärt die unterschiedlichen Motive: Ein Teilnehmer sagt entspannt, dass er sich einfach für „Sweatlodges“, wie die in indianischen Schwitzhütten, interessiere, ein anderer äußert ernst, dass er sich mit indianischen Ritualen beschäftige, ein dritter, dass sein Leben nach einer Krankheit aus der Bahn geraten sei und er sich hier eine Seelenheilung erhoffe, ein vierter schließlich ist den Tränen nahe, weil er seine Familie so sehr liebe und nicht wisse,  wie er diese Liebe zurückgeben könne. Es ist still, ein wenig unbehaglich. Bis Tom Bluewolf nickt und ruhig sagt: „Die Welt ändert sich schnell, und wenn die Welt schmerzen hat, dann haben wir Menschen auch Schmerzen.“ Seine blauen Augen blicken durchdringend in die Runde. Und plötzlich ist jeder Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieses Seminars verschwunden. Auch jedes Bedenken, dass in diesem Raum irgendetwas lächerlich wirken und der Schamanismus zum Schmarrn verkümmern könnte.
Der US-Amerikaner Tom Bluewolf ist 63 Jahre alt, hat braune Haare, blonde Augenbrauen und graue Schläfen- Er ist der Sohn eines Deutschen und einer Indianerin und pflegt die spirituelle Kultur seit seiner Kidnheit, macht Musik, handelt mit Kräutern und veranstaltet als ausgebildeter Medizinmann weltweit Sweatlodge-Zeremonien. Vor zwölf Jahren hat er Marion Schneider getroffen, die gemeinsam mit ihrem Mann die Therme in Bad Sulza führt, sie haben sich angefreundet, und irgendwann entstand die Idee, dieses Seminar zu veranstalten. Nun sitzt marion Schneider als Übersetzerin an seiner Seite.
Rein optisch könnte Tom Bluewolf aber auch in jeder amerikanischen Vorabendserie der achtziger Jahre mitgespielt haben. Ein bisschen Colt Sievers steckt in ihm, ein bischen MacGyver und Steven Segal. Er hat die Vertrauenswürdigkeit eines Bergführers, strahlt die Ruhe eines Notarztes aus und spricht mit der deeskalierenden Bedächtigkeit eines Katastropheneinsatzleiters. Nur mal angenommen, in der Therme würde genau jetzt ein Großbrand ausbrechen oder ein Erdbeben würde Bad Sulza erschüttern, dann müssten wir nur in Tom Bluewolfs Nähe bleiben und uns würde garantiert nichts passieren. Kurz bevor wir hinaus in die Sweatlodge gehen, schallt aus dem Konferenzraum, wo gleichzeitig das spirituelle Seminar „Holotropes Atmen“ stattfindet, eine „Voyage Voyage“-Diskoversion zu uns herüber und übertönt Bluewolfs Ausführungen. Vermutlich hätte sich jeder andere Seminarleiter darüber aufgeregt. Ein Indianer aber beginnt sanft zu tanzen, lächelt und sagt: „Ich mag das.“ Tanz weiter. Schließt die Augen. Hebt die Arme. Ballt die Fäuste. Sagt: „ So stelle ich mir den Sound vor, den Babys im Mutterleib hören. So, wie wir es in der Sweatlodge simulieren werden.“ Und schon sind wir mitten im Thema.
Vorbei an Whirlpools, dampfenden Kaskadesolebecken und der Saunalandschaft folgen wir dem Blauen Wolf hinaus zur Schwitzhütte. Die steht im Garten der Therme und sieht aus wie ein mit Steinen stabilisiertes Iglu. Wir stehen davor, und Tom beginnt, indianisch murmelnd zu beten. Das Gebet wendet sich an die Ahnen und geht in die vier Himmelsrichtungen, dan die Erde, die Sterne, und zum Herzen. Wir drehen uns also erst nach Westen und sehen in den Thüringer Mischwald, drehen uns nach Süden und sehen auf das alte DDR-Krankenhausgebäude, drehen uns nach Osten und sehen auf die Saunalandschaft, drehen uns nach Norden und sehen auf Toms rot-gelbes Indianerzelt. Als ein Regionalzug hinter dem Zaun vorbeifährt, entzündet Uli, der „Firekeeper“, das rituelle Feuer. Uli, ein Thermenmitarbeitet, ist eine Art Ureinwohner von Bad Sulza; er trägt einen Lederhut und ein Holzfällerhemd und wird die 45 Steine mit einer Mistgabel aus dem Feuer holen und in die Schwitzhütte tragen.
Es ist dunkel in der Schwitzhütte. Und eng. Nicht nur, weil der Platz für uns alle etwas knapp ist, sondern auch weil, wie Bluewolf sagt, weit über 20 000 Ahnen mit dabei sind. Im Gebet hätte jeder von uns etwa 1200 seiner Vorfahren eingeladen. Tom singt etwas Unverständliches, trommelt und schüttet Wasser auf die heißen Steine. Es zischt, riecht nach  Rauch, und langsam wird es warm. Das ist der Prozess des Erwachens. Dann folgt Runde zwei, die Heilung, und Firekeeper Uli bringt 10 weitere Steine.
In Runde drei und vier wird es rauchig, feucht und richtig heiß. „jetzt kann es schwierig für euch werden“, hatte Tom angekündigt und von Bären berichtet, die uns Geschichten erzählen, von Wölfen, die in uns kämpfen, von Kojoten, die uns in die Irre führen wollen. Und von unseren Ahnen, die uns nun kontaktieren. Toms Empfehlund lautete: „Denkt jetzt ganz fest an jemanden, den ihr liebt.“
Am Ende wankten wir alle erschöpft nach draußen. Gereinigt. Wiedergeboren. Vielleicht ja auch seelengeheilt. Jedenfalls blicken wir, als sich unsere Augen wieder ans Thüringer Tageslicht gewöhnt haben, in das große Fenster der Panoramasauna – und die nackten Thermengäste auf uns zurück.

Die nächsten Seminare mit Tom Bluewolf finden am 5. und 7. Februar und am 11. und 13. Juni 2010 in der Toskana-Therme in Bad Sulza statt. Das Ritual dauert von 11 bis 18 Uhr und kostet 100 Euro. Mehr informationen unter www.toskanaworld.net, zu Tom Bluewolf unter www.earthkeepers.net

[Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am Sonntag, 22.11.2009, Text von Andreas Lesti]

  




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